Hanna Jansen
- 1946 in Diepholz geboren
- 1950 Umzug nach Osnabrück, dort mit drei Geschwistern aufgewachsen, Vater Kunsterzieher, Mutter Hausfrau
- 1966 Abitur
- 1966–1969 Studium an der Pädagogischen Hochschule Osnabrück
- 1969 erstes Staatsexamen
- 1969–1970 Referendarausbildung im Seminar Bergisch-Gladbach
- 1970 zweites Staatsexamen
- 1972 Geburt des Sohnes Niklas
In der Folgezeit Arbeit als Lehrerin für Deutsch, Kunst und evangelische Religion an Kölner Gesamtschulen
- Ab 1980 Arbeit als Moderatorin in regionaler und landesweiter Lehrerfortbildung für das Fach Deutsch
- 1984 Fachberaterin und Organisatorin für Lehrerfortbildung an Gesamtschulen im Regierungsbezirk Köln
- 1985–1988 Didaktische Leiterin an einer Kölner Gesamtschule
- 1988 Heirat mit dem Kinderarzt Reinhold Jansen, Aufnahme des ersten afrikanischen Kindes
- Von 1988–1998 Arbeit als Autorin für ein gymnasiales Sprachbuch in einem großen Schulbuchverlag
- Zwischen 1999 und 2009 Aufnahme von dreizehn weiteren Kindern aus aller Welt, überwiegend Kriegswaisen aus Afrika, die als minderjährige Flüchtlinge ins Land kamen
- 2004-2010 Leseförderungsaktion Jedem Schulanfänger ein Buch! in Siegburg
- 2011 Umzug nach Sassen in die Vulkaneifel
Während der Kindheit, Jugend und Studienzeit viele Auftritte in Theaterstücken, auch im Stadttheater von Osnabrück; ursprünglicher Berufswunsch: Schauspielerin
Bibliografie
- 2001 Der gestohlene Sommer, Thienemann, Carlsen Tb
- 2002 Über tausend Hügel wandere ich mit dir, Thienemann, Knaur Tb, ausgezeichnet 2003 mit dem Buxtehuder Bullen, Literaturpreis für das beste deutschsprachige Jugendbuch
- 2002 Ich heirate Felixa, Thienemann
- 2002-2004 im 9. Autorenreader NRW, herausgegeben vom Kultursekretariat NRW
- 2003 "Simon" in Mensch sucht Sinn, Gabriel
- 2004 Gretha auf der Treppe, Thienemann
- 2006 Teilnahme am PEN "World Voices" Festival in New York
- 2006 Over a Thousand Hills I Walk with You, Foreword Magazine's Book of the Year Award
- 2007 Over a Thousand Hills I Walk with You, Independent Publisher Book Award, Gold Medal in the Multicultural Fiction – Children’s category
- 2007 Over a Thousand Hills I Walk with You, PMA Ben Franklin Award in the Juvenile-Young Adult’s Fiction category
- Named to the ALA Best Books for Young Adults (BBYA) 2007 list
- Named to the 2007 United States Board on Books for Young People
(USBBY)/Children’s Book Council (CBC) list
- Named to the 2007 Edition of the best Children’s Books of the Year as a
title with Outstanding Merit; Children’s Book Committee at Bank Street
College
- Diverse Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Anthologien
- Diverse Literaturworkshops, u.a. für den Museumsdienst Köln
- 2011 Noel oder der Traum von Iburayi in: Zuhause ist wo ich glücklich bin, Carlsen Tb
- 2012 Herzsteine, Peter Hammer Verlag
Interview
zur Veröffentlichung von "Über tausend Hügel wandere ich mit dir" in den USA
Erzählen Sie, wie Sie aufgewachsen sind. Wie waren Sie als Kind? Aus was für einer Familie kommen Sie?
Meine frühe Kindheit ist durch die Nachkriegszeit geprägt.
Ich bin ja unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geboren, in einem besonders kalten Winter, in dem die Wasserhähne zugefroren waren und es keine Kohle mehr zum Heizen gab. Außerdem kaum Nahrungsmittel. Für meine Mutter muss es schwer gewesen sein, in solchen Zeiten einen Säugling zu versorgen. Mein Vater war in dem Jahr davor aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, ausgehungert und krank, und hatte eine Stelle als Lehrer in einer anderen Stadt. Er war Kunsterzieher und Maler. Damals hatte ich bereits eine Schwester und einen Bruder, sechs und sieben Jahre älter als ich.
Als ich drei war, zogen wir nach Osnabrück, wo mein Vater Arbeit hatte und wo ich aufgewachsen bin. Der Krieg hatte die Stadt beinah völlig zerstört und wir wohnten in einer Straße, wo es nur Ruinen gab, abgesehen von dem Haus, in dem wir eine winzige Wohnung ohne Badezimmer hatten. Ein Jahr später wurde meine jüngere Schwester geboren.
Es war eine Zeit voller Entbehrungen, und doch habe ich viele gute Erinnerungen daran. Wir Kinder waren frei, "lebten" draußen, spielten mit den Nachbarkindern auf der Straße und die Ruinen waren für uns eine Welt, in der es Abenteuer zu erleben gab.
Ich glaube, diese Zeit hat meine Phantasie besonders herausgefordert. Es gab kaum Spielsachen, keine Medien, nur diese freie Welt da draußen und Bücher, die für meine Eltern von jeher wichtig waren.
Ich erinnere mich besonders intensiv an Abende, als wir um den Küchentisch versammelt waren - meine kleine Schwester, noch ein Baby, schlief auf der Kommode - und meine Mutter las uns aus "Onkel Toms Hütte" vor. Ich war erst vier, aber die Geschichte hat mich so tief berührt, dass ich die Szene, als Eliza mit ihrem Kind vor den Sklavenhändlern davonläuft, bis heute vor Augen habe.
Sehr früh lernte ich selbst lesen und verschlang alles, was ich in die Hände bekam. Auch Bücher für Erwachsene. Ebenso früh habe ich angefangen zu schreiben, kleine Geschichten, Gedichte, sogar Szenen, die ich mit den Nachbarkindern auf der Straße aufführte.
Denn besonders faszinierte mich das Schauspiel. Schon als Fünfjährige stand ich zum ersten Mal auf der Bühne, später immer wieder, und ursprünglich wollte ich Schauspielerin werden.
Ich war ein sehr ernsthaftes und oft verträumtes Kind. Vor allem mein Vater, selbst Künstler, unterstützte mich in meinen Neigungen.
Die Familie war für mich ein Ort der Sicherheit und Zugehörigkeit, denn meine Mutter verstand es trotz aller Schwierigkeiten und materieller Not unser gemeinsames Leben so zu gestalten, dass es Höhepunkte gab, an die ich mich bis heute lebhaft erinnere. Ich glaube, diese Erfahrungen haben in mir den Wunsch nach einer eigenen großen Familie geweckt.
Wie kam es dazu, dass Sie und Ihr Mann Kriegsweisen adoptiert haben?
Auch mein Mann, Kinderarzt, stammt aus einer sehr großen Familie mit zehn Kindern. Unabhängig von einander hatten wir beide immer den Traum, Kindern, die kein Zuhause haben, eines zu geben. Als wir uns kennen lernten, war es für eigene Kinder schon zu spät. Ich hatte einen Sohn aus erster Ehe, mein Mann war in seiner ersten Ehe kinderlos geblieben.
Aber wir waren uns vollkommen einig, in unser Leben noch Kinder einbeziehen zu wollen. Als wir uns an die Adoptionsbehörden wandten, wurde uns jedoch gesagt, dass wir kaum eine Chance hätten, weil wir auch für eine Adoption schon zu alt seien (ich war damals Anfang vierzig).
Wir waren enttäuscht, fanden uns aber damit ab. Schließlich waren wir miteinander glücklich und hatten beide einen Beruf, in dem wir für Kinder da sein konnten.
Dass sich unser Traum doch noch erfüllt hat, dass unsere Familie sogar im Verlauf der Zeit zu einer Großfamilie mit dreizehn Kindern angewachsen ist, erscheint uns manchmal wie eine schicksalhafte Fügung. Das erste Kind, vierjähriger Sohn einer afrikanischen Mutter, die ihn damals selbst nicht versorgen konnte, kam 1987 durch einen Zufall zu uns, er sollte nur ein halbes Jahr bleiben - und ist gerade erst bei uns ausgezogen, weil er nun in einer anderen Stadt studiert.
Im Einzelnen zu erzählen, wie sich die Familie entwickelt hat, würde ein Buch füllen.
Aufgrund schrecklicher Ereignisse in Afrika ist sie in den Neunziger Jahren "explodiert". Damals nahmen wir Fatia, Bürgerkriegsflüchtling aus Somalia, bei uns auf, später nach und nach sechs Kinder aus Ruanda, die während des Genozids ihre Familien verloren hatten. Sie waren alle als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und brauchten ein neues Zuhause. Alle unsere Kinder (bis auf zwei) waren schon älter, teilweise Jugendliche, als sie zu uns kamen und hatten eine leidvolle Geschichte hinter sich. Aber sie haben sich in ihrer neuen Heimat eingelebt, haben ihre schlimmen Erfahrungen weitgehend überwunden und fühlen sich inzwischen ganz zuhause. Sie halten zusammen und gehen ihren Weg.
Dies ist wohl auch der Grund, weshalb mein Mann und ich immer wieder den Mut gefunden haben, ein Kind, das vor unserer Tür stand, "blind" in unser Leben einzubeziehen. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick und damit verbunden das Vertrauen, alles könnte gut gehen.
Dass wir den Kindern eine zweite Lebenschance geben konnten, bedeutet für uns Glück.
Wie haben Sie zum ersten Mal von Jeanne und ihrer Situation erfahren?
Im April 1996 erhielten wir einen Anruf von Afrikamissionaren aus Köln, die dort afrikanische Flüchtlinge betreuen und die uns schon im Jahr zuvor Zwillinge aus Ruanda vermittelt hatten. Wir wurden gefragt, ob wir bereit seien, noch eine ruandische Waise aufzunehmen.
Bald danach kam Jeanne, damals zehn Jahre alt, mit ihrer Tante zu uns, wie es ja auch im Buch zu lesen ist. Da ihre Tante sie nicht selbst betreuen konnte, entschied sich Jeanne sehr schnell, zu bleiben, und zwei Tage nach dieser ersten Begegnung zog sie bei uns ein.
Die Tante, Schwester von Jeannes Mutter, informierte uns, dass Jeanne als einzige ihrer Großfamilie den Genozid überlebt hatte. Sie selbst lebt seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland.
Es dauerte nicht lange, bis auch Jeanne uns wissen ließ, was sie mit eigenen Augen ansehen musste: die Ermordung ihrer Mutter und ihres Bruders, so wie andere entsetzliche Gräueltaten.
Albträume trieben sie nachts aus dem Bett und sobald sie ein bisschen Deutsch sprechen konnte, begann sie zu erzählen. Überwiegend mir, weil wir uns von Anfang an sehr nah waren. Später hat sie einmal gesagt, dass sie das Gefühl hatte, mich schon immer zu kennen. Wie so etwas möglich ist, wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Wie entstand "Über tausend Hügel wandere ich mit dir"? Was hat Sie inspiriert, Jeannes Geschichte zu erzählen?
Jeanne und ich hatten bereits vier Jahre lang miteinander gesprochen. Je älter sie wurde, desto mehr bemühten wir uns, ihre detaillierten Erinnerungen im Gesamtkontext des Völkermords zu sehen, andere Quellen heranzuziehen, um die Zusammenhänge besser zu "verstehen".
Die Feststellung, dass dieser Genozid nicht nur, während er geschah, sondern auch noch lange danach von westlichen Medien und westlicher Politik weitgehend ignoriert wurde und dass sehr viele Menschen hierzulande noch nicht einmal wussten, wo Ruanda liegt, brachte mich auf den Gedanken, ein Buch zu schreiben, in dem unmittelbare, gefühlvolle Nähe zu einem Kind entsteht, das einer so furchtbaren Erfahrung ausgeliefert war. Es sollte auch das Bild von einem "unzivilisierten Afrika" korrigieren, damit niemand auf die Idee kommen konnte, die furchtbaren Verbrechen seien von so genannten "Wilden" begangen worden. Der mögliche Vergleich mit unserer eigenen Geschichte zum Beispiel war mir immer gegenwärtig.
Das Buch zu schreiben, bedeutete außerdem für mich selbst Bewältigung des furchtbaren Geschehens, das durch die Kinder auch ein Teil unserer Geschichte geworden ist.
Und ich wollte Jeannes Eltern und Geschwister aus der Namenlosigkeit herausholen, damit sie als Personen gesehen werden können, die gekannt und geliebt worden sind. Stellvertretend für die anderen Millionen Toten. Den Opfern ein Gesicht und eine Stimme zu geben, war auch Jeannes Anliegen.
Unsere Gespräche zum Buch waren Erinnerungs- und Trauerarbeit, sie halfen Jeanne, Abschied zu nehmen und sich ihrem neuen Leben zu öffnen. Über die Hoffnung und die Kraft zu leben wollte ich ebenso etwas erzählen.
Wie stark war Jeanne in den Schreibprozess mit eingebunden?
Jeanne war nicht direkt in den Schreibprozess eingebunden, sie war aber meine wichtigste Quelle. Das heißt, ich habe ihr immer wieder sehr differenzierte Fragen gestellt: Wie etwas geschmeckt, wie etwas ganz genau ausgesehen und wie sich das Zusammenleben der Familienmitglieder und der Menschen in Ruanda damals gestaltet hat. Jeanne ist ein relativ nüchterner Mensch mit einem sicherlich überdurchschnittlichen Gedächtnis, insofern war sie eine sehr zuverlässige Zeugin. Um jedoch lebendig und spannend erzählen zu können, musste ich meine eigene Vorstellungskraft entfalten und das eine oder andere "wahrheitsgemäß erfinden". Wir haben einander auf wunderbare Weise ergänzt und mit allem, was ich mir zur Komprimierung der Handlung ausdachte, lag ich intuitiv sehr nah bei der Wirklichkeit. Jeanne hat die fertigen Kapitel prüfend gelesen, um mir über ihr Gelingen Rückmeldung zu geben. Meine Intuition war manchmal so dicht an ihren Erfahrungen, dass ich etwas erfand, was Jeanne tatsächlich erlebt hatte. Eines Tages kam sie mit dem Manuskript zu mir und sagte: "Mama, heute hast du dich an etwas erinnert, was ich schon vergessen hatte."
Wie sind Sie Schriftstellerin geworden? Ist das Ihr erstes Buch oder haben Sie weitere veröffentlicht? Wenn ja, wovon handeln Ihre Bücher, gibt es ein gemeinsames Grundthema?
Wie schon erwähnt, habe ich immer geschrieben. Zehn Jahre lang arbeitete ich als Autorin für einen großen Schulbuchverlag und verfasste Unterrichtseinheiten und Texte für den Literatur- und Sprachunterricht.
Als ich endlich zum kreativen Schreiben zurückfand, war ich schon über fünfzig. 2000 erschien mein erstes Jugendbuch, 2002 "Über tausend Hügel wandere ich mit dir". Danach folgte 2003 ein Kinderbuch, im Frühjahr 2004 eine größere Erzählung für eine Anthologie zu den Weltreligionen und im Herbst noch ein Kinderbuch. Im Augenblick arbeite ich an einem Roman für Erwachsene.
Eine größere deutsche Zeitung schrieb: "Die Autorin Hanna Jansen entwickelt sich zur Spezialistin für interkontinentale Beziehungen."
Tatsächlich handeln drei meiner Bücher von Begegnungen mit Menschen anderer Kontinente. Mein zuletzt geschriebenes Kinderbuch erzählt die Geschichte eines kolumbianischen Au-pair-Mädchens, das zu einer Gastfamilie mit Zwillingen kommt, in der es einige Probleme gibt. Es ist ein heiteres und dennoch ernsthaftes Buch.
Auch die anderen drei Geschichten befassen sich mit "Ausnahmemenschen". Mein erstes Jugendbuch handelt von einem Fünfzehnjährigen, der in einem Sommerurlaub seine kleine geistig behinderte Schwester hüten muss und einer Obdachlosen begegnet, die ihm die Augen für sich selbst und für das Leben öffnet. In meiner Erzählung zum Christentum geht es um einen Jugendlichen, der als Kind schwer misshandelt wurde, bei Pflegeeltern und im Heim aufwuchs und voller Misstrauen und Aggressionen steckt. Und der Roman schließlich, an dem ich zurzeit arbeite, erzählt von einem Zwerg und Hermaphroditen, der in unserer Stadt gelebt hat und nun als Kunstfigur in unserem Stadtmuseum sitzt.
Ich möchte Nähe zu Menschen herstellen, die es in der Gesellschaft schwer haben und versuche sie deshalb in ihren individuellen Gefühlen und Stärken zu zeigen, sie zu "Helden" zu machen, die von den Lesern geliebt werden können.
Ich hoffe, dass meine Bücher helfen, Vorurteile, Rassismus, und Ausgrenzungen jeder Art abzubauen und den Blick dafür zu öffnen, was Menschen elementar verbindet, so unterschiedlich sie auch sein mögen.
Die meisten sind inzwischen auch in anderen Ländern erschienen.
Inwieweit überlappen bzw. inspirieren die Erfahrungen in Ihrer Familie Ihr Schreiben?
Das ist keine leichte Frage.
Einerseits ist das vielfältige Leben mit den Kindern inspirierend, bringt auch Geschichten oder Einfälle hervor, gibt mir Einblicke in Seelenlagen, Gedanken und Befindlichkeiten von sehr unterschiedlichen Menschen.
Andererseits raubt mir der Alltag manchmal die nötige Zeit, und wenn es in der Familie Probleme zu lösen gibt, fehlt mir oft die Kraft, mich ganz auf das Schreiben und die jeweilige Geschichte einzulassen.
Beides fordert mich ganz und gar, zumindest phasenweise. So muss hin und wieder die Familie auf mich verzichten und an manchen Tagen bleibt der Platz am Schreibtisch leer. Nur in Zeiten, wenn alles sehr gut im Fluss ist, finde ich für beides gleichzeitig genügend Raum.
Was war Ihre Hauptmotivation Jeannes Geschichte zu erzählen? Was wollten Sie mit dem Buch bewirken?
In erster Linie soll es ein Buch gegen die Gleichgültigkeit und das Vergessen sein.
Es zu schreiben forderte auch von mir, mich meinen Gefühlen zu stellen und zu sehen, was mit mir geschieht, wenn ich Betroffenheit zulasse.
Ich bin davon überzeugt (weil ich es selbst so erfahren habe), dass nur dann, wenn wir ein solches Geschehen auch an unsere Gefühle heranlassen, der Verdrängungsmechanismus durchbrochen wird.
Es ist schon bemerkenswert, wie gering dieses und ähnliche Geschehnisse in der Welt von der Öffentlichkeit so wahrgenommen werden, dass angemessene Reaktionen folgen. Naturkatastrophen scheinen die Gemüter stärker zu bewegen als die Katastrophen, die unmittelbar von Menschen ausgehen und mindestens ebenso zerstörerische Kräfte entfalten.
Dabei wären die menschlichen Katastrophen vielleicht vermeidbar, wenn es gelänge, an die Ursachen heranzukommen und denen, die sie ertragen mussten, Hilfe bei der Bewältigung der Traumata zu geben, wenn alles nur mögliche dafür getan würde, die Lebensbedingungen zu verändern, die der Nährboden für solche Katastrophen sind. Hier ist die Internationale Gemeinschaft gefordert, genau hinzusehen und sich den Blick nicht durch die jeweils eigenen Interessen verstellen zu lassen.
In Ruanda hat über einen Zeitraum von mindestens vierzig Jahren aus meiner Sicht eine Geschichte der Verdrängung stattgefunden - bei der Bevölkerung wie auch bei denen, die als Kolonialisten, Missionare, Entwicklungshelfer, Partnerländer oder wie auch immer daran teilhatten. Nur so konnte ein kollektives Trauma dem anderen folgen, ja geradezu überliefert werden und schließlich in der unvorstellbaren Dimension eines Völkermords enden. Und ich fürchte, dass diese Geschichte noch nicht zu ende ist.
Für mich ist mein Roman aber nicht nur ein Buch über Ruanda. Die Geschichte ist exemplarisch für das Schicksal vieler Kinder auf dieser Welt, die ich in mehrfacher Hinsicht als Opfer betrachte, weil sie keinerlei eigene Möglichkeiten haben, auf das zu reagieren, was sie überrollt. Sie sind nicht nur den Tätern ausgeliefert sondern auch den Erwachsenen, die sie schützen sollen. Ich habe die Geschichte ausschließlich aus der unbestechlichen Sicht eines Kindes erzählt, das durch die Hölle gegangen ist und dabei viel mehr wahrgenommen hat, als wir Kindern gewöhnlich zutrauen. Als die Medien zehn Jahre nach dem Völkermord noch einmal, inzwischen mit größerem Erkenntnishintergrund, darüber berichteten, war ich erstaunt, wie viele Details plötzlich auftauchten, die ich in meinem Buch längst dargestellt hatte. Als ich es schrieb, gab es wenig Literatur dazu. Ich war also weitgehend auf meine jugendlichen Zeugen angewiesen und stellte im Nachhinein fest, wie nah ich der Wahrheit mit ihrer Hilfe gekommen war.
Welche interessanten Perspektiven haben sich durch die Veröffentlichung des Buches für Sie ergeben?
Zunächst einmal bin ich stolz darauf, dass gerade dieses Buch einen wichtigen deutschen Jugendbuchpreis gewonnen hat, den ich mit über dreißig international bekannten Autorinnen und Autoren teile. Auch mit einigen aus den USA.
Darüber hinaus hat es ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit in der Presse hervorgerufen, ich/wir hatte/n einige Fernsehauftritte und etliche Rundfunkinterviews.
Verschiedene Friedens- und Menschenrechtsorganisationen, sowie Kirchen, Schulen und Jugendverbände in ganz Deutschland haben mich zu Lesungen mit anschließender Diskussion eingeladen. Ich bin dabei sehr engagierten Menschen begegnet, auch prominenten, wie zum Beispiel dem international anerkannten Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung aus Norwegen, Träger des Alternativen Friedensnobelpreises.
Die Begegnung mit solchen Menschen und die Erfahrung, dass es dabei zu sehr bewegenden und intensiven Gesprächen kam, hat mir das Gefühl gegeben, mithilfe des Buches an einer Art Netzwerk für den Frieden teilzuhaben. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Wenn sich die Spinnfäden zusammentun, können sie einen Löwen festhalten.
Aus vielen Reaktionen (bei Lesungen und aus sehr zahlreichen Leserbriefen auch aus dem Ausland) habe ich erfahren, dass es dazu beiträgt, sich das Ausmaß eines solchen Geschehens überhaupt vorstellen zu können und dass die beim Lesen entstandene Nähe zu Jeannes Einzelschicksal in vielen Leserinnen und Lesern den Wunsch hervorrief, sich intensiver mit der Gesamtgeschichte zu befassen, vielleicht sogar aktiv zu werden. Ich habe oft bei Lesungen erlebt, dass Zuhörer/innen weinten und dass nach einer ersten tiefen Betroffenheit die Fragen kein Ende nehmen wollten.
Insofern leistet das Buch einen friedenspolitischen Beitrag. Auf ganz andere Weise als die vielen wichtigen Sachbücher zum Thema, die mittlerweile auf den Markt gekommen sind.
Inzwischen ist es in den Beneluxländern, Frankreich und Italien erschienen, es gibt einen Lizenzvertrag mit Korea.
Wer, glauben Sie, ist Ihr idealer Leser?
Glücklicherweise habe ich festgestellt, dass mein Buch sehr unterschiedliche Menschen - Jung und Alt, Mädchen und Jungen, Männer und Frauen, Wissende und Unwissende, auch Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten, ja, sogar Randgruppen - erreicht. Erstaunlicherweise sind es bei Lesungen in Schulen vor allem die Jungen, die mir anschließend geradezu "Löcher in den Bauch fragen". Einige Male habe ich erlebt, dass ich in eine disziplinlose, völlig desinteressierte Klasse kam, in der man später während der Lesung eine Nadel hätte fallen hören können, und von der ich hinterher begeisterte Leserpost erhalten habe.
Dies zeigt mir, wie stark die Geschichte berührt und dass meine Erzählweise viele Menschen anspricht. In sehr persönlichen Leserbriefen wurde mir und auch Jeanne Dank ausgesprochen, einige Menschen haben mir von ihrem eigenen Leid erzählt und gesagt, dass die Geschichte ihnen trotz der geschilderten Schrecken Mut gemacht hat.
Obwohl ich glaube, dass es ein Buch außerhalb von irgendwelchen Kategorien ist, habe ich mich dafür entschieden, es zunächst in einem Jugendbuchverlag zu veröffentlichen, weil ich mir wünsche, dass sich junge Menschen, die ihre Zukunft noch vor sich haben, intensiver mit den Geschehnissen auf dieser Welt befassen, ihre Augen vor den permanenten Verletzungen von Menschenrechten nicht verschließen und bereit sind, sich für eine Welt ohne kriegerische Gewalt einsetzen.
Was war der schwierigste Part beim Schreiben dieses Buches?
In der Vorarbeit war es für Jeanne am schwierigsten, zu den guten Erinnerungen zurückzukehren, die sie bis dahin von sich abgespalten hatte. Zu fühlen, was sie verloren hatte, rief eine ungeheure Trauer in ihr hervor, die ich auffangen musste. Manchmal konnte ich sie nur festhalten und wusste nicht, wie ich sie trösten sollte. Trotzdem war gerade dieser Teil der Arbeit sehr wichtig.
Für mich war es am schlimmsten, wenn ich mit der Geschichte völlig allein war. Besonders das Ende des zweiten Teils, die Ermordung von Jeannes geliebtem Bruder, ist mir sehr nah gegangen. Wie sollte ich dafür Worte finden? Nur selten in meinem Leben habe ich mich vergleichsweise so verzweifelt und einsam gefühlt.
Welche Quellen haben Sie neben Jeanne und ihrem Tagebuch hinzugezogen?
Ich habe die Bücher über Ruanda gelesen, die es damals schon gab. Es waren nicht viele. Außerdem Zeitungsartikel gesammelt. Ein paar Fernsehreportagen aufgezeichnet, um konkrete Bilder vor Augen zu haben. Allerdings gab es auch in den Medien nur wenige Berichte. Jeannes Tagebuch war keine wirkliche Quelle. Sie schreibt sehr ungern und hat auf ein paar Seiten vor allem ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht.
Im Wesentlichen habe ich Jeanne, meine anderen Kinder und ruandische Freunde immer wieder befragt.
Welche Botschaft, hoffen Sie, wird der Leser von Jeannes Geschichte mit auf den Weg nehmen?
Das Leben ist kostbar! Wir müssen klug damit umgehen. |