Andis sitzt am See und erzählt Theresa das Märchen von der Wassernixe.
Da taucht plötzlich jemand aus dem See auf: Lilo, eine junge Frau, die dort gebadet hat. Theresa, Andis kleine Schwester, ist sich sicher: Lilo ist niemand anders als die Wassernixe. Andis dagegen ist hin- und hergerissen. Niemals zuvor ist er einer derart unkonventionellen Frau begegnet. Lilo spielt Bluesstücke auf einem Grashalm, lebt in den Tag hinein und tut, was ihr gefällt. Eines Tages verschwindet Lilo plötzlich spurlos und mit ihr Andis kleine Schwester Theresa …
Nicht mehr im Handel! Die Taschenbuchausgabe ist noch über die Autorin erhältlich.
Anfrage per E-Mail
Presse
Hanna Jansen hat ein erstaunlich reifes Debüt geschrieben: psychologisch genau, realitätsnah und poetisch.
(Der Tagesspiegel)
Ein toller Roman übers Erwachsenwerden und die Schwierigkeiten Verantwortung zu übernehmen oder sie im richtigen Moment abzugeben.
(Eselsohr)
Hanna Jansen, auf deren Entdeckung der Thienemann Verlag zu Recht stolz sein kann gelingt in ,Der gestohlene Sommer‘ vor allem eins: Erzählen. Poetisch, leise und doch realitätsnah.
(Hits für Kids)
Ohne Vorurteile, vielmehr sehr einfühlsam, stellt das Buch die Spannungen und Unsicherheiten einiger in unterschiedlicher Weise überforderter und aus ihrer Lebensbahn geworfener Menschen dar.
(Buchprofile)
Ein Buch, das unter die Haut geht.
(Aachener Zeitung)
Das Buch geht unter die Haut, es stimmt nachdenklich und sollte auch von Erwachsenen beachtet werden.
(Esslinger Zeitung)
Leseprobe
An einer von langen Binsen überschatteten Stelle hatte Lilo die Flaschen ins Wasser getaucht. Nur ihre Hälse ragten heraus. Andis holte sich eine Flasche Mineralwasser und drehte hastig den Verschluss auf. Gierig trank er die halbe Flasche leer.
Theresa pulte mit spitzen Fingern Sandkörner von ihrem Bauch und kratzte sich ausgiebig. „Wasser“, sagte sie. Er hielt ihr die Flasche hin, doch sie nahm sie nicht. „Gehte Wasser!“, forderte sie.
„Klar, wir gehn jetzt schwimmen und zeigen deinem Herrn Bruder mal, was du schon alles kannst“, sagte Lilo. Andis erschrak. Es fiel ihr doch wohl hoffentlich nicht ein, das Umschlagtuch hier direkt vor seinen Augen abzunehmen! Doch genau das tat sie. Sie löste den Knoten über ihrer Brust und öffnete das Tuch. Erleichtert stellte er fest, dass sie wenigstens Unterwäsche darunter trug. Das war ihm zwar auch peinlich, aber er bemühte sich darüber hinwegzusehen und möglichst unbefangen zu wirken. Bestimmt besaß sie keine Badesachen. Zu seiner Überraschung begann sie nun, Theresas Bauch mit dem Tuch zu umwickeln. Sie knotete es am Rücken fest zusammen und band die beiden übrig gebliebenen Enden zu einer großen Schlaufe. Theresa hielt erstaunlich still. Offenbar war diese Prozedur nicht neu für sie. "So", meinte Lilo zufrieden.
„Der Schwimmgürtel ist fertig.“ Sie nahm Theresa bei der Hand und führte sie ein paar Meter weit in den See. „Jetzt können wir schwimmen, keine Angst, ich halte dich.“ Sie fasste Theresa unter den Armen und hob sie hoch, um sie auf den Bauch zu legen, wobei sie ihre Hände stützend unter den kleinen Körper schob und sorgfältig darauf achtete, dass Theresas Kopf über Wasser blieb.
Theresa strampelte mit den Beinen, das Wasser spritzte nach allen Seiten, aber es schien sie nicht zu stören, sie war quietschvergnügt. Jetzt zog Lilo eine Hand langsam weg und griff nach der Schlaufe, bevor sie auch die andere Hand folgen ließ. Und so schwamm Theresa, von Lilo gehalten, paddelnd und prustend im See herum.
Unwillkürlich musste Andis an eine Postkarte denken, die er irgendwann einmal gesehen hatte. Da trug ein Storch ein Baby durch die Lüfte. An genau so einer Schlaufe, die in seinem Schnabel hing. Der sonderbare Vergleich rührte ihn. Und in diesem Augenblick mochte er Lilo, wie er noch nie jemanden gemocht hatte.
„Ich komme auch!“, rief er, erfüllt von dem Verlangen, in ihrer Nähe zu sein und an dem kleinen Wunder teilzuhaben, das sie gerade vor seinen Augen vollbrachte.
Übersetzungen
|