Gretha auf der Treppe

Andere Länder, andere Sitten
Lump und Jule sind empört. Sie sollen ein Au-pair-Mädchen aus Kolumbien bekommen. Dabei sind die Zwillinge aus dem Alter für ein Kindermädchen längst heraus. Außerdem: Mit einer völlig Fremden unter einem Dach, wie soll das gehen? Es kommt alles anders, als sie denken. Denn Gretha ist nicht nur einfach umwerfend, sie hat auch eine Ungeheuerlichkeit im Gepäck und abends sitzt sie manchmal auf der Treppe und erzählt von einer anderen Welt.


Presse

Was für ein vergnüglich zu lesendes und gleichzeitig ernsthaftes Buch! Die Autorin Hanna Jansen, Preisträgerin des Buxtehuder Bullen 2003, schafft es, über das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen, über Konflikte in der Familie und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens so zu schreiben, dass es überzeugend ist. Manches davon mag sie in ihrer großen Familie, zu der elf Kinder aus aller Welt gehören, selbst erlebt haben. Es gibt Ängste, Missverständnisse und Konflikte im Zusammenleben. Doch wie langweilig wäre es, wenn man sich auf das Abenteuer mit dem Anderen nicht einlassen würde.
(Regina Riepe, Süddeutsche Zeitung, 05.08.2005)

(…) Hanna Jansen hat eines der schönsten Bücher des Jahres geschaffen, warmherzig und witzig, voller Gefühl und interessanten Informationen, gleichzeitig tiefsinnig uns locker-leicht.
Dazu muss man sein Handwerk und das Thema beherrschen, muss seine Figuren lieben und ihre Sorgen verstehen und ebenso die Wünsche und Denkweisen der Leser. All das und mehr liegt hier in Perfektion vor. Dabei entsteht nicht einmal kurz der Eindruck bedruckten Papiers, immer scheint das Leben selbst aus den Seiten zu purzeln mit überraschenden, aber nachvollziehbaren Wendungen, ungedrechselten Sätzen und nachempfindbarem Ernst und Spaß. Man pendelt beim Lesen dauernd zwischen herausplatzendem Lachen, vergnügtem Schmunzeln und heimlicher Rührung, sorgt sich tatsächlich um das Schicksal der Personen und atmet erleichtert auf, wenn alles gut gegangen ist. Sehr empfehlenswert.

(Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW)

Eher zufällig bekommen die Zwillinge Lump und Jule mit, dass ihre Mutter wieder arbeiten gehen will. Viel schlimmer ist aber, dass sie deshalb ein Au-pair-Mädchen bekommen sollen. Wieso sie sich aber dann doch ganz schnell mit Gretha anfreunden und welche Abenteuer sie zusammen erleben, wird in wunderbar leichtem und witzigem Ton erzählt.
(Hits für Kids, Mara von der Fecht Osiander Reutlingen )

Deutscher Alltag durch die Augen einer jungen Kolumbianerin. Warum ist die Haustüre für Freunde verschlossen und wird erst nach dem Klingeln und Nachfragen an der Sprechanlage geöffnet? Haben die Deutschen auch Angst vor Bandidos? Warum wissen die Zwillinge nicht, wie ihr Nachbar heißt? Neugierig und unbefangen stellt Gretha so manches in Frage und erzählt im Gegenzug von ihrer Heimat. (…) Statt karibischem Kitsch präsentiert Hanna Jansen auch in ihrem neuen Roman – eingebettet in eine spannende deutsche Familiengeschichte – viele Informationen über ein fremdes Land und für uns unvorstellbare Lebensbedingungen. (…) Wenn Gretha auf der Treppe sitzt und von ihrer Heimat erzählt, ergeht es einem auf jeden Fall wie Lump: Man möchte die Augen schließen und nur noch Grethas Stimme hören, ,die wie Wellen leise auf und ab schwingt‘. Und während in Deutschland der erste Schnee fällt, zieht mit Grethas Worten der Sommer ein.
(Andrea Wanner, Titel-Magazin: Literatur und mehr)

Spiderman in der Salatschüssel: Hanna Jansens neues Kinderbuch ist hitverdächtig! (…) Es zeichnet sich aus durch eine glaubhafte authentische Sprache, die weder anbiederisch noch reißerisch wirkt, und gepflegten Stil. (…) Jede einzelne Figur ist plastisch gestaltet und anschaulich charakterisiert, von der emanzipatorisch angeregten Mutter bis zum verlässlichen Freund des Hauses.
(Gerhard Keck Schwarzwälder Bote 08.01.05)

Leseprobe

Lump erkennt Gretha sofort. Das braunhäutige Mädchen mit den schwarzen, straff nach hinten gebundenen Haaren muss sie sein!
Sie ist viel zu dünn angezogen, steht in einer zu weiten Jeansjacke sichtbar frierend neben einem alten Koffer und blickt sich suchend nach allen Seiten um. Lump dagegen wird auf einmal siedend heiß. Wie es scheint, hat Jule Gretha auch entdeckt, denn sie schiebt die Unterlippe vor und blickt demonstrativ zur Seite.
„Da ist sie ja“, sagt Käte erleichtert. Sie steuert zielstrebig auf das Mädchen zu, das im selben Augenblick den Kopf in ihre Richtung dreht und fast erschrocken wirkt.
„Haalloo!“, ruft Käte überschwänglich, wie eine Fernsehtante, die ihr Publikum begrüßt. „Du bist sicher Gretha! Ich hoffe, du bist gut gelandet.“
Klar, ist sie das! Lump findet die Begrüßung ziemlich albern. Aber zugegeben, er weiß auch nicht, was er sagen soll, ihm bleibt sogar die Spucke weg.
„Ja, Madam“, sagt Gretha. Sie hat eine dunkle, weiche Stimme, die ein bisschen kratzig klingt.
Käte streckt die Arme aus und hält ihr beide Hände hin. „Schön, dass du da bist. Da sind wir also! Das sind Julia und Magnus, wie du dir wahrscheinlich denken kannst. Und ich bin Käte. Du kannst ruhig Käte zu mir sagen.“
„Ja, Madam“, sagt Gretha. Sie steht da und lächelt, und Kätes Hände hängen in der Luft. Beim Lächeln formt sich Grethas Mund zu einem Apfelsinenstückchen, ihre schrägen, dunklen Augen glänzen.
Sie ist lieb, denkt Lump. Ihm fällt ein Stein vom Herzen. Auch Jule scheint das Lächeln zu gefallen. Lump fühlt es ganz genau.
„Ja … , sagt ihre Mutter, „also … ich glaub, wir gehn jetzt besser schnell zum Auto. So ein kaltes Wetter bist du sicher nicht gewohnt.“
Sie bückt sich, will den Koffer nehmen.
Blitzschnell schließt sich Grethas kleine, braune Hand fest um den Griff. Sie hebt den Koffer an.
„Na, dann wollen wir mal“, meint Käte verdattert und setzt sich in Bewegung, bleibt aber sofort wieder stehen. „Oder hast du vielleicht Hunger und möchtest lieber noch was essen, bevor wir zu uns nach Hause fahren?“
„Madam?“, fragt Gretha.
„Ich meine, ob du nach der langen Reise vielleicht Hunger hast, es ist ja Mittagszeit“, erklärt Käte. Sie spricht betont langsam und hat plötzlich einen ziemlich besorgten Ausdruck, wie immer, wenn sie glaubt, dass etwas nicht so klappt, wie sie es sich in den Kopf gesetzt hat. „Hung-ger“, wiederholt sie, ihre Stimme auf volle Lautstärke gedreht, „wir … können … essen … gehen.“ Dabei macht sie eine Handbewegung, als ob sie einen Löffel oder eine Gabel in den Mund steckt. Total bescheuert sieht das aus.
Es fehlt nicht viel, dann sagt sie „Happa Happa machen“ oder so was Blödes, denkt Lump. Wirklich megapeinlich!
„Nein danke, Madam.“ Gretha sieht Käte gerade ins Gesicht. „Ich habe keinen Hunger. Ich bin nur … wie heißt es … von der langen Reise … strapaziert.“ Auch sie spricht etwas schleppend, doch es klingt nicht so idiotisch. Eher wie ganz langsame Musik.
Na also! Sie kann doch Deutsch!
„Noch nie was von Jetlag gehört, Mama?“, mischt Jule sich mit nadelspitzer Stimme ein. „Das kennst du doch von Papa.“
Klar kennt ihre Mutter das, und meistens findet sie es überhaupt nicht toll, wenn ihr Vater dauernd müde ist, weil er im Flugzeug eine ganze Nacht oder einen Tag mal eben übersprungen hat.
„Du hast ja Recht, Jule“, sagt Käte verlegen und wendet sich dann Gretha zu. „Natürlich! Du musst schrecklich müde sein, daran hätte ich auch wirklich denken können! Wir machen uns am besten sofort auf den Heimweg. Komm, du kannst mir gerne deinen Koffer geben.“
Gretha schüttelt den Kopf. „Nein danke, Madam“, sagt sie. Sie sagt es höflich, aber auch bestimmt.
An ihrer verwirrten Mutter vorbei werfen die Zwillinge sich einen Blick zu. Was ist bloß in dem alten Koffer drin?

 

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